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Geschichte

 

Die Geschichte der OGG Bern

 

© 2017 OGG, Simon Bichsel, Präsident OGG Bern

Haupsächliche Quellen:

1. «Kartoffeln, Klee und kluge Köpfe - Die Oekonomische Gemeinnützige Gesellschaft des Kantonsbern OGG (1759 - 2009)» (Seitenangaben im Text beziehen sich auf diese Quelle)

2. «250 Jahre OGG - Die vergangenen 50 Jahre 1959 – 2009» von Ernst W. Eggimann

 

1.1 Entstehung der OGG

 

Alles begann mit einem Preisausschreiben «Über die vorzügliche Nothwendigkeit des Getreide-Baues in der Schweiz» bzw. mit dem Aufruf des Berner Chorgerichtsschreibers Johann Rudolf Tschiffeli im städtischen Avis-Blatt zur Finanzierung eines Preises für die beste Abhandlung zum Landbau. Die Resonanz war so gut, dass damit auch der Grundstein zur Oekonomischen Gesellschaft gelegt war (S. 14). Die Gründung erfolgte 1759 (als Kind der Aufklärung) aber auch vor dem Hintergrund einer unsicheren Nahrungsmittelversorgung (zwei vorangehende Missernten, Siebenjähriger Krieg mit verschärftem internationalen Konkurrenzkampf (S. 18). Fragen zur Ernährungssicherheit spielten nicht nur heute eine wichtige Rolle. Der theoretische Kopf, der sich als Erster massgeblich zum Programm und Zweck einer solchen Gesellschaft (Sozietät) geäussert hat, war Vinzenz Bernhard Tscharner.

 

 

1.2   Gründungsprogramm

 

Im Gründungsprogramm von 1759 bildete der Landbau den inhaltlichen Schwerpunkt. Weiter sollten Sumpfgebiete trockengelegt und Flüsse durchgehender schiffbar gemacht werden; Manufakturen seien zu fördern und die Ausgaben für die Energieversorgung zu vermindern. Anzustreben sei eine arbeitsame, wohlhabende und zufriedene Bevölkerung. Der gesunde und zufriedene Mensch stand schon damals – wie übrigens auch heute – im Mittelpunkt des Gedankengutes der OGG (S. 18).

 

Die Gründungsziele haben ihren Ursprung in der alteuropäischen «Ökonomik», die als Lehre vom klugen Haushalten wesentlich mehr Handlungsbereiche umfasste als nur das Feld der Wirtschaft und der Nahrungssicherung im engeren Sinn. Die heute getrennten Wissens- und Tätigkeitsfelder wie Agrar-, Forst- und Gewerbewirtschaft, Medizinal- und Erziehungswesen, Staatsfinanzen, Aussenhandels- und Bevölkerungspolitik fiel alles noch unter dem Begriff der Ökonomie zusammen (S. 18/19).

 

Um einen langfristigen, gesamtwirtschaftlichen Wachstumsprozess auf der Grundlage der lokalen Ressourcennutzung in Gang zu bringen und die Abhängigkeit von Getreideimporten und Holzzufuhren herabzusetzen, setzte das Aktionsprogramm folgerichtig beim Landbau an. Zu diesem gehörte im Verständnis der Zeit immer auch die Forstwirtschaft und man versprach sich – neben einer unmittelbaren Verbesserung der Ernährungs- und Energiegrundlage – auch eine dynamisierende Wirkung auf die der Land- und Forstwirtschaft nachgelagerten Wirtschaftssektoren. Dieser «Revolution der Landwirtschaft» lagen drei Strategien zu Grunde:

 

1. Anbau kleeartiger Futterpflanzen zur biologischen Stickstoffgewinnung (Kleehof vgl. Ziffer 1.6)

2. Sommer-Stallfütterung zur Gewinnung von Stallmist (benötigte weniger Brachland)

3. Bau von Jauchegruben, damit Stickstoff wieder dem Boden zugeführt werden konnte.

 

Der Erfolg gab den Gründervätern Recht: 1850, d.h. 90 Jahre nach der Gründung konnte eine doppelt so grosse Bevölkerung ernährt werden.

Aber auch heute darf sich die Leistung der Landwirtschaft sehen lassen. Laut Chefredaktor «Schweizer Bauer» Ausgabe 31.12.2016 konnte die wachsende Bevölkerung seit 1950 (fast eine Verdoppelung) bei in etwa gleicher Nutzfläche stets zu fast zwei Dritteln ernährt werden. Ein Landwirt ernährte im Jahre 1950 zehn Menschen, heute sind es weit über 100 Menschen. Und der Bedarf an Nahrungsmitteln wird sich bis 2050 noch verdoppeln (bei eher noch abnehmender Produktionsfläche).

 

 

1.3   Die ersten Mitglieder

 

Für den gesamten Zeitraum von 1759 – 1800 sind 120 ordentliche Mitglieder, 192 Ehrenmitglieder (ohne finanziellen Beitrag) und 67 Subskribenten bekannt. Es fällt auf, dass eine grosse Verflechtung mit dem bernischen Stadtpatriziat und der Zugehörigkeit zum Grossen Rat bestand. Übers Ganze gesehen überschnitt sich der personelle Kernbestand der Oekonomischen Gesellschaft zu rund zwei Dritteln mit dem Magistratenstand, der die regierende Schicht der bernischen Stadtrepublik bildete (S. 15/16). Zu Ehrenmitgliedern ernannt wurden zum einen internationale Grössen wie Gelehrte, z.B. Voltaire und Vertreter aus dem europäischen Adel (S. 17).

 

 

1.4 Geschickte Vernetzung

 

Die Stadtpatrizier pflegten über ihre Landvögte und Pfarrherren, die als Städter während ihrer Amtszeit auf der Landschaft ansässig waren, gute Kontakte zu den Landleuten, vor allem zu den oberen Schichten (S. 17).

 

Bis in die 1810er-Jahre hatten sich die Mitglieder der OGG fast ausschliesslich aus dem städtischen Patriziat rekrutiert. Mit der Zeit entstand auch auf dem Land eine gewisse Elite, die den Kern der liberalen Bewegung 1830/31 bildete.  Nach den polit. Veränderungen (Zeit der Helvetik und der Mediation), insbesondere nach der Neugründung 1822, wurden vermehrt auch Bewohner aus den ländlichen Gebieten aufgenommen, die dann gegen 1830 sogar die Mehrheit erlangten (S. 26).

 

 

1.5 Korrespondenten aus ganz Europa

 

Die Gesellschaft unterhielt in weit verzweigtes Korrespondenznetz, in dem sie praktische Erfahrungen und Fachliteratur, aber auch Textilproben und Samen von Kulturpflanzen austauschte. Sie korrespondierte zum einen mit der europäischen Gemeinschaft der Gelehrten und Agrarreformern, zum andern aber auch mit den über die ganze Landschaft verstreuten lokalen Mitarbeitern, den amtierenden Magistraten und Pfarrherren (S. 19).

 

 

1.6 Wissenschaft richtete sich auf praktischen Nutzen

 

Massgebend war ein auf die praktische Nützlichkeit gerichtetes Wissenschaftsverständnis, das mit Ökonomie und Politik verknüpft wurde (S. 19):

1. Präzise Landesaufnahmen (z.B. Horbenbuch Eggiwil)2. Europaweites Korrespondenznetz (vgl. Ziffer 1.5)3. Öffentlichkeitsarbeit durch Preisausschreiben.

 

Mit den Preisausschreiben ging man beispielsweise folgenden Fragen nach:

 

«Beste Theorie der Küchenherde und Stubenöfen zu Ersparung des Holzes und anderer Feuerungsmittel» (1768) oder
«ob eine Feuerassekuranz im Kt. Bern ratsam sei und wie die zweckmässige Einrichtung einer solchen Anstalt auszusehen hätte» (1788)

 

Mit Letzterem wurde der Grundstein für die Brandversicherungsanstalt, d.h. die heutige GVB, gelegt.

 

Im Jahr 1763 erwirbt Johann Rudolf Tschiffeli, Gründer der OGG, das Landgut „Kleegarten“ in Kirchberg mit dazugehörigem Bauernhaus. Hier schuf er eine Revolution in der Landwirtschaft und baute den Kleehof zum Musterbetrieb aus. Pestalozzi führte ihn dort in die Landwirtschaft ein. Vgl. auch Ziffer 1.2.

 

 

1.7 Zweck der publizierten Preisausschreiben

 

Die ausgezeichneten Preisschriften wurden zur Belohnung in der eigenen Zeitschrift veröffentlicht mit dem Zweck (S. 20):

1. Globales Wissen mit lokaler Erfahrung zu verbinden (räumlicher Wissenstransfer)

2. Sozialer Wissenstransfer

3. Öffentlicher Diskur

Die Themen wurden bewusst über die Gelehrtenwelt hinausgetragen, konzentrierte sich aber auf ein allgemeines Elite-Publikum von Multiplikatoren wie Magistraten, grosse Landbesitzer und Pfarrherren. Für die Landleute beurteilte man die Abhandlungen als zu teuer und zu umfangreich. Man begnügte sich mit Beiträgen im Volkskalender «Hinkender Bott» - Hinkender Bote (S. 21). 

 

 

1.8 Entwicklung der OGG

 

Die Phasen der Gesellschaft können grob in folgende Entwicklungsstufen unterteilt werden (S. 14 – 34):

 

       18. Jahrhundert: Reformsozietät

       19. Jahrhundert: Landwirtschaftsverein (Kanton Bern)

       20. Jahrhundert: Bäuerliche Bildungsinstitution

       Seit den 1980er Jahren: Gemeinnützigkeit / soziale Koordinationsstelle

 

Bezüglich Reformsozietät verweise ich auf die Kapitel 1.1 und 1.2.

 

Etwas ausführlicher betrachten wir das 19. Jahrhundert mit der Entwicklung zum Landwirtschaftsverein des Kantons Bern (S. 25 ff):

 

Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts vollzogen sich im Kanton Bern die politischen Veränderungen vom Ancien Régime zum zunehmend demokratische Formen annehmenden Volksstaat. Mit der Annahme der neuen Kantonsverfassung im Jahre 1831 dankte das Patriziat endgültig ab. Damit verbunden war ein sozialer Wandel, wobei auch im neuen System oder umgekehrt neue Eliten schon im alten System auftraten. Die Oekonomische Gesellschaft entwickelte sich vom exklusiven Kreis städtischer Patrizier und ausgewählter Pfarrherren zu einem sozial sehr viel breiter abgestützten bürgerlich-bäuerlichen Landwirtschaftsverein. Solche Landwirtschaftsvereine entstanden im 19. Jahrhundert in praktisch allen Kantonen. Der Name der Gesellschaft wurde nie geändert, aber sie übernahm im Kanton Bern die Funktionen eines landwirtschaftlichen Vereins. Sie hatte schon in den 1840er-Jahren die Bildung eines landwirtschaftlichen Vereins auf nationaler Ebene angeregt und spielte dann bei der Gründungsvorbereitung anfangs der 1860er-Jahre eine wichtige Rolle.

 

Ebenfalls auf Initiative der OGG wurde 1860 die erste staatliche Landwirtschaftsschule (Acker- und Waldbauschule auf der Rütti in Zollikofen) gegründet (S. 137). Auf die staatliche Ausschreibung des Direktorenpostens hin meldete sich einzig ein Kandidat, der jedoch den Erwartungen der OGG nicht entsprach. Sie schlug dem Regierungsrat einen andern Kandidaten vor. Der Regierungsrat liess sich überzeugen (S. 173).

 

Erfolglos bemühte sich die OGG um einen Lehrstuhl für Landwirtschaft an der Hochschule in Bern. Zusammen mit den Vereinen anderer Kantone setzte sie sich dann für eine landwirtschaftliche Abteilung am eidgenössischen Polytechnikum in Zürich, der heutigen ETH, ein (S. 174).

 

 

Bäuerliche Bildungsinstitution im 20. Jahrhundert (S. 34):

Im so entstandenen Landwirtschaftsverein begegneten sich städtische und ländliche Eliten mit dem Ziel, die ländliche Bevölkerung über die neuen Erkenntnisse und Möglichkeiten zu informieren. Diesem Engagement lagen unterschiedliche Motive zugrunde. Ökonomisch-gemeinnützige Beweggründe wurden überlagert von Bestrebungen zur Stabilisierung der neuen politischen Verhältnisse. Einzelne Exponenten wie Albert von Fellenberg-Ziegler wollte die Landwirtschaft in die Industriegesellschaft integrieren. Er war Redaktor der «Bernischen Blätter für Landwirthschaft» (heute «Schweizer Bauer») und der erste studierte Agronom, der Präsident der Oekonomischen Gesellschaft wurde. Modernisierer der Oekonomischen Gesellschaft wollten die bäuerliche Bevölkerung in Kontakt mit den Erkenntnissen der neuen Welt bringen. Dazu eigneten sich Volksfeste besonders gut und es fand – scheinbar unbeabsichtigt – eine Verbäuerlichung des Landwirtschaftsvereins statt. Aus heutiger Sicht ist das m.E. nichts als logisch, dass Bauern im Landwirtschaftsverein sind. Die vielfältigen Tätigkeiten des Landwirtschaftsvereins eröffneten vor allem jungen, bildungshungrigen Männern innerhalb der bäuerlichen Bevölkerung Möglichkeiten, sich auch auf einer überlokalen Ebene zu betätigen. Es wuchs rasch eine nächste Generation heran, die sowohl für die OGG selber als auch für die kantonale und eidgenössische Politik wichtig wurde. Ihr prominentester Vertreter war Rudolf Minger. Er lernte sein organisatorisch-rhetorisches Handwerk in der von der OGG initiierten Genossenschaftsbewegung. Er brachte es dank der von ihm mitbegründeten BGB bis zum Bundesrat und schloss sein Wirken 1948 in der Öffentlichkeit als OGG-Präsident ab.

 

Die Entwicklung der bäuerlichen Berufslehre hat eine lange Vorgeschichte. Einen wesentlichen Beitrag zum spektakulären Aufschwung in der Nachkriegszeit leistete der Agronom und Landwirtschaftslehrer Hermann Bieri (liebevoll Lehrbubenvater genannt). Der Kanton Bern beauftragte ihn und die OGG 1947 mit dem Ausbau der praktischen bäuerlichen Berufslehre; ein Vierteljahrhundert später, 1973, war diese in der Schweiz nirgends so populär wie im Kanton Bern (S. 239).

 

Mit der Gründung zahlreicher bäuerlicher Organisationen ermöglichte die OGG nicht nur vielen Bauern den Erwerb fachspezifischer Kenntnisse, sondern konnte damit auch Personal zur Bündelung eigener Interessen gewinnen (S. 37).

 

Hinter den meisten landwirtschaftlichen Fachvereinen standen führende OGG-Repräsentanten. Die OGG hatte zu Beginn der 1890er-Jahre die bernischen Bestrebungen zur Gründung eines Bauernbundes nach dem Beispiel Zürichs taktisch geschickt abgefangen und mit der Reorganisation der Gesellschaft 1892 die oppositionellen Kräfte auf dem Land erfolgreich integriert. Prominente OGG-Vertreter übten zudem immer mehr staatliche Ämter aus, weil der Staat zunehmend direkter in die Nahrungsmittelproduktion eingriff (Aufbau eines eigenen Staatsapparates erübrigte sich). Jakob Freiburghaus kämpfte in den 1920er-Jahren als OGG-Präsident bei seinem ernährungspolitisch motivierten Einsatz für ein stattliches Getreidemonopol Seite an Seite mit der politischen Linken. Auf gesamtschweizerischer Ebene war diese Neuausrichtung nicht mehrheitsfähig. Im Kanton Bern hingegen wurde die Vorlage 1926 auch dank dem Engagement zahlreicher OGG-Exponenten deutlich angenommen (S. 187/188).

 

Rudolf Minger hat nach seiner Bundesratszeit 1942 als OGG-Präsident die sog. Wintertagungen eingeführt. Diese fanden im Bierhübeli-Saal und ab 1977 im Kursaal, wo mehrere Hundert Personen Platz hatten, statt. Die 1979 durchgeführte Tagung zum Thema «Biologischer oder konventioneller Landbau, Gegensätzliches und Gemeinsames» lockte 600 Personen in den Kursaal (S. 252).  Diese Vortragsveranstaltungen wurden 1988 eingestellt.

 

Im März 1976 wurde im Saal des Landgasthofs Bären in Ersigen eine viertägige Weiterbildungsveranstaltung für die ländliche Bevölkerung durchgeführt. Später wurde das Programm auf zwei Tage reduziert (1. Teil agrarfachliche und agrarpolitische im 2. Teil ethische Fragen). Bis 1997 gab es dieses Ersigenseminar jedes Jahr. Dann ging es ein.

 

Unter dem Präsidium von Jakob Freiburghaus wandelte sich die OGG vom Landwirtschaftsverein zur bäuerlichen Bildungsinstitution.

 

 

1.9 Von der bäuerlichen Bildungsinstitution zur sozialen Koordinationsstelle

 

Nachdem die letzten Aufgaben dahinfielen, welche sie im bäuerlichen Berufsbildungswesen dem Staat abgenommen hatte, war für die OGG eine Neuausrichtung angesagt. Es galt Schritt zu halten mit dem soziologischen Wandel, wie er sich auch in der veränderten Mitgliederstruktur spiegelt. Auch das nähere Zusammenrücken mit der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) ist ein Zeichen dafür, dass der Aspekt der Gemeinnützigkeit in den Vordergrund rückte (S. 61 Eggiamnn).

 

Als OGG-Präsident von 1984 bis zu seinem Tod 1990 leitete Hans Spreng (Direktor der Zentralstelle für Obstbau des Kantons Bern) jene Reformen ein, die in den 1990er-Jahren aus der bäuerlichen Bildungsorganisation eine Koordinationsstelle mit sozialem Auftrag machten (S. 227).

 

Eine sehr wichtige Rolle in diesem Übergang spielten aber auch zwei weitere Personen, nämlich Berta Neukomm und Fritz Gerber:

 

Berta Neukomm, Adjunktin Kant. Jugendamt, prägte die OGG-Kommission für Gemeinnützigkeit von 1973 – 1984. Sie tat sich als frühe Netzwerkerin hervor, vgl. auch Ziffer 1.14.

 

Präsident Dr. Fritz Gerber, Gründer GLB, legte den Grundstein zur sozialen Koordinationsstelle mit dem Betreuten Wohnen in Familien (BWF), gegründet 01.04.1998 (ca. 90 Gäste verteilt auf ca. 120 hauptsächlich Bauernfamilien), vgl. aktuelle Projekte.

Ebenfalls auf Initiative von Dr. Fritz Gerber wurde zusammen mit dem Schweizerischen Landwirtschaftlichen Verein und der Landwirtschaftlichen Beratungszentrale Lindau (heute agridea) die Bauernunternehmerschulung (BUS) nach deutschem Muster aufgegleist (S. 62 Eggimann).

 

Der in der Gesellschaft nicht unumstrittene Prozess weg von der bäuerlichen Bildungsinstitution zur sozialen Koordinationsstelle wurde unter Führung der ersten Frau als Präsidentin der OGG, Thea Aebi-Keller, abgeschlossen (S. 52).

 

Im Übergang von der Bildungsinstitution zur sozialen Koordinationsstelle - und ebenfalls stark mit der Person von Hans Spreng verknüpft - sind die Jungbauernbewegung und die Gründung einer Schweizerischen Landjugendkonferenz zu erwähnen.

 

Die Jungbauernbewegung gemäss Wikipedia:

Die Jungbauernbewegung oder Schweizerische Bauernheimatbewegung war eine bäuerliche Organisation und politische Partei in der Schweiz. Aus der anfänglichen Abstinenzbewegung wurde immer mehr eine solche mit kulturellen Inhalten. Angesichts der grossen Wirtschaftskrise der 1930er Jahre wurde sie auch parteipolitisch aktiv und engagierte sich zusammen mit Gewerkschaften vor allem für eine antizyklische Wirtschaftspolitik. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Bauernheimatbewegung zur Vorreiterin für die biologische Landwirtschaft in der Schweiz, die auch einen grossen Einfluss auf Deutschland und Österreich ausübte.

 

Bezeichnend ist, dass sich verschiedene Exponenten dieser Jungbauernbewegung auch in der OGG engagierten. Es waren nebst Hans Spreng, Werner Moser, ein junger Agronom und später Direktionssekretär der Landwirtschaftsdirektion; der Stadtberner Markus Feldmann, der ehemalige Berner Regierungsrat und spätere Bundesrat (Gegner des Nationalsozialismus). Gallionsfigur der Jungbauern war Hans Müller, BGB-Nationalrat. Er liess sich zum Führer der Bewegung wählen und verlangte 1941, dass sich die Schweiz Deutschland anpassen müsse. 1947 verlor die Bewegung ihren letzten Sitz im Nationalrat.

 

Hans Spreng konnte 1956 mit Hilfe des Bauernsekretariates und des Schweizerischen Landwirtschaftlichen Vereins die Schaffung einer Schweizerischen Landjugendkonferenz realisieren. Die ländliche Bildungs- und Jugendarbeit der Nachkriegszeit – und damit auch die Landjugendgruppen – waren geprägt von Auslandaufenthalten ihrer Mitglieder (internationaler Landjugendaustausch ( 4 H usw.). Innerhalb der OGG wurde 1966 sogar eine eigene Kommission ins Leben gerufen, die heute jedoch nicht mehr besteht (S. 227-229).

 

Es fällt auf, dass zwischen der bäuerlichen Bildungsarbeit, der Jungbauernbewegung, der Landjugend und der OGG in der Schlüsselperson von Hans Spreng gewisse Kontakte bestanden. Die Anpassung der Landjugend an die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse der 1960er-Jahre verhinderte möglicherweise angesichts des rasanten Bedeutungsverlustes der Landwirtschaft am Ende des 20. Jahrhunderts eventuell die Marginalisierung der traditionsreichen OGG

 

1.10 Was auch noch zur Geschichte der OGG gehört …

 

  • 1890 Fusion der Oekonomischen Gesellschaft (OG) mit der 1810 gegründeten Gemeinnützigen Gesellschaft (GG) als Sektion der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG), seither OGG.

  • Die Gründung und der Aufschwung der BGB bis Mitte der 1930er-Jahre hatte zur Folge, dass die OGG in politischen Fragen wieder ins zweite Glied zurücktrat. Die Funktion als Dachorganisation der Landwirtschaft im Kanton Bern ermöglichte es der OGG zur BGB eine gewisse Distanz einzuhalten, weil ja zum grossen Teil die gleichen Personen auf beiden Seiten engagiert waren. Die OGG hielt in der Regel die Türen auch für Mitglieder anderer Parteien offen. So konnte sie gewisse Vermittlerfunktionen ausüben, wie auch schon in den 1820er-Jahren als Konservative und Liberale zu ihren Mitgliedern zählten. Sozial ging die Öffnung der OGG im 20. Jahrhundert wesentlich weiter. Es wurden auch Dienstboten und Alphirten in die Kommission aufgenommen, vgl. Ziffer 1.11 (S. 37).

  • Hans Luder, Meisterlandwirt und Mitglied der Pflanzenbaukommission der OGG, war die treibende Kraft bei der Gründung der integrierten Produktion (IP Suisse) im Jahre 1989. Die zunehmende Mechanisierung führte zu Bodenverdichtungen. Der angestiegene Fleischkonsum hatte einen rasanten Ausbau der Tierhaltung zur Folge und die Stoffkreisläufe gerieten auf vielen Betrieben aus dem Gleichgewicht. Der bei der Gründung der Gesellschaft 1759 propagierte Hofdünger wurde in bestimmten Regionen zum Problem. Die (Agrar)-Politik reagierte auf dies von ihr stark mitverursachte Entwicklung in erster Linie mit Vorschriften und Verboten. Der Bernische Regierungsrat verbot im Winter 1985/86 das Ausbringen von Gülle auf dem Schnee (S. 252). In den Gemeinden wurden sogenannte «Bschüttivögte» eingesetzt.
    Luder konnte den eingeschlagenen agrarpolitischen Weg nicht gutheissen und suchte nach Alternativen nicht nur zum konventionellen, sondern auch zum mittlerweilen durch zahllose Vorschriften reglementierten biologischen Landbau. Er begann, sich intensiv mit der integrierten Produktion zu befassen.  

 

1.11 Industrialisierung der Landwirtschaft

 

In die Zeit des 20. Jahrhunderts gehört auch die Industrialisierung der Nahrungsmittelproduktion. Bis in die 1950er-Jahre galt das, was als ästhetisch schön empfunden wurde, in der Regel auch von praktischem Nutzen. Das galt für die Wertschätzung der Haustiere ebenso wie für die Kulturlandschaften. Das wurde in einem bisher unbekannten Mass aufgebrochen, indem Pestizide und Kunstdünger eingesetzt wurden. Neue Aufstallungsarten vergrösserten die emotionale Distanz zwischen Menschen und Nutztieren (S. 47). Mit der Industrialisierung in der Landwirtschaft, begleitet von Futtermittelimporten und einer liberalen Handelspolitik entstand jener Nahrungsmittelüberfluss, den die Gesellschaft zunehmend als Problem und nicht mehr als Segen wahrzunehmen begann. Schweine- und Geflügelmastbetriebe ohne eigene Futtergrundlage standen zwar im Widerspruch zu Bundesverfassung und Agrargesetzgebung, aber gleichzeitig eben auch im Einklang mit den sich rasch verändernden Konsumgewohnheiten. Als Gegenbewegung führte die OGG Tagungen zum biologischen Landbau durch. Es waren aber fast ausschliesslich Einzelkämpfer, die sich diesbezüglich engagierten (S. 48 f).

 

Eine direkte Folge der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war der Mangel an Mägden und Knechten, die vermehrt in die sich industrialisierenden Städte abwanderten. Die OGG formulierte auf diese Problematik zwei Antworten. Zum einen versuchte man, die Stellung der Dienstboten attraktiver zu machen. Der Oekonomische und Gemeinnützige Verein des Amts Burgdorf etwa verlangte 1873 wieder eine stärkere Integration der Knechte und Mägde in die bäuerlichen Familien, erwog die Schaffung eines Dienstbotenaltersheims und einer Dienstbotenkrankenkasse und beschloss für langjährige Dienstboten Treueprämien auszurichten. Die erste Dienstbotenehrung fand 1877 mit 53 Mägden und Knechten statt. 1898 gründete die OGG eine eigene Dienstbotenkommission.

 

 

 

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